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“Bundesweites Stadionverbot”, Bericht der Arbeitsg

 

Arbeitsgruppe 5:
Bundesweites Stadionverbot

Nach “Rangeleien” zwischen Spielern und Ordnern: Stadionverbote für Dahlin und Effenberg ?!
Auf den ersten Blick erscheint diese Forderung völlig überzogen, wenn nicht sogar lächerlich. Der Grund liegt darin, daß nur wenigen bekannt ist, welche Konsequenzen solche “Rangeleien” (O-Ton Dahlin) für Fußballfans haben. Erst dann erscheint diese spontane Reaktion auf die Ereignisse am 11.11.1995 im Düsseldorfer Rheinstadion durchaus verständlich.
Durch das umstrittene Verfahren der bundesweiten Stadionverbote wird seit mehreren Jahren versucht, gewaltbereite Jugendliche Fußballfans aus dem Umfeld der Bundesligastadien zu drängen. Es soll durch bundesweite Stadionverbote sichergestellt werden, daß es im Umfeld der BL-Spiele zu keinen gewalttätigen Auseinandersetzungen mehr kommt.
Diese Form der massiven Ausgrenzungen von Jugendlichen aus ihren Lebenswelten reiht sich ein in die lange Geschichte der hilflosen Reaktionen im Umgang mit auffälligen Jugendsubkulturen. Ein Beispiel für eine ähnliche Verfahrensweise ist der ständige Versuch ordnungspolitischer Instanzen, junge drogenabhängige Männer und Frauen von öffentlichen Plätzen der Innenstädte zu vertreiben. Das Ergebnis ist, wie bei allen solchen Maßnahmen, die in der Vergangenheit durchgeführt (und auch im Zusammenhang mit den Ausschreitungen während der Fußball-WM´98 in Lens wieder herzitiert, die Red.) wurden, immer das Gleiche:
Es findet, wenn überhaupt, nur eine kurzfristige Problemverlagerung statt. An der Ursachenbewältigung der Auffälligkeiten geht Ausgrenzung vorbei: Die vorhandenen Probleme bleiben bestehen.
Durch die Umsetzung des Nationalen Konzeptes Sport und Sicherheit (NKSS) wird diese Tendenz auch bei der Gruppe der zumeist jugendlichen Fußballfans weitergeführt.
Mit dem Ziel, daß Jugendliche zukünftig nicht mehr gewalttätig in Erscheinung treten, werden durch die Aussprache von sogenannten bundesweiten Stadionverboten Jugendliche aus ihren Sozialisationsräumen gedrängt. Dies ist ein sehr bedenklicher Trugschluß, der in seiner mittelfristigen Konsequenz kontraproduktiv ist.
Die Arbeit der Fan-Projekte hat bewiesen, daß, wenn man gewaltbereiten jugendlichen Fußballfans offen begegnet, sie ansprechbar und bereit sind, ihr Verhalten zu hinterfragen - sie haben etwas zu sagen und sind durchaus in der Lage, sich an gesellschaftliochen Prozessen zu beteiligen. Beispiele dafür sind: Diskussionen über Versitzplatzung in den Stadien, Projekte zum Abbrennen von Bengalischem Feuer im Stadion, Sicherheitsdebatten der Vereine, unzählige Veranstaltungen zur Gewaltproblematik, etc. ...
Diese Praxiserfahrungen haben gezeigt, daß Jugendliche, wenn sie die Möglichkeit bekommen, sich einzubringen (z. b. Bengalisches Feuer im Ruhrstadion), die Resultate durchweg positiv sind.
Gemeint sind hier in erster Linie alle Fußballfans, insbesondere jedoch die gewaltbereiten Hooligans, die nicht nur in Bochum konstruktive Diskussionen angeregt und viele Denkanstöße (z. B. bundesweite Zaundebatte) auf den Weg gebracht haben.
Zur Verfahrensweise bundesweiter Stadionverbote
Seit Ende Januar 1992 machen sich u. a. der DFB, die BL-Vereine, die Städte, Politiker und die Polizei Gedanken zur Verbesserung der Sicherheit bei Spielen der ersten und zweiten Bundesliga. Verschiedene Ausschüsse (z. B. der Deutsche Städtetag, die Innenministerkonferenz, die Sportministerkonferenz) arbeiteten 1 ½ Jahre an dem NKSS, das im Juni 1993 verabschiedet wurde.
Ein Ergebnis des NKSS ist die Empfehlung zur Einrichtung von Fan-Projekten in Städten der ersten und zweiten Liga. Darüberhinaus befaßt sich das Konzept mit den baulichen Standards der Stadien, mit einheitlichen Stadionordnungen und mit der Aussprache der bundesweiten Stadionverbote.
Diese Stadionverbote sollen gewährleisten, daß “sportinteressierte Zuschauer auch in Zukunft das Gefühl haben, Sportveranstaltungen sicher und ohne Beinträchtigung in friedlich-sportlicher Atmosphäre verfolgen zu können” (NKSS, S. 21). Eine Voraussetzung für die Aussprache dieser Stadionverbote ist eine Abtrittserklärung, die von BL-Vereinen unterschrieben werden muß, womit sie den DFB und den übrigen Vereinen das Recht einräumen, Stadionverbote im Namen aller auszusprechen (vgl. NKSS, S. 26). Kriterien zur Aussprache ist eine lange Liste, deren Inhalt von Straftaten in Verbindung mit Gewalt, sprich Körperverletzungen, bis zu Verstößen gegen das Versammlungsgesetz reicht. Neben der Tatsache, daß solche Stadionverbote bundesweit ausgesprochen werden, ist zudem neu, daß zum größten Teil Vergehen geahndet werden, die außerhalb des Stadions stattfinden und daß daran Personen beteiligt sein müssen, die äußerlich als Fußballfans erkennbar oder bereits der Polizei als Fans bekannt sind.
Wird ein Fußballfan am Rande eines BL-Spiels auffällig und leitet die Polizei daraufhin ein Ermittlungsverfahren ein, wird dies dem entsprechenden Verein mitgeteilt und von der Polizei angeregt, ein bundesweites Stadionverbot auszusprechen. Dieses Stadionbverbot geht mit einer entsprechenden Mitteilung an den DFB, der dann alle anderen BL-Vereine informiert, die ja bereits aufgrund ihrer Einverständniserklärung diesem Verfahren zugestimmt haben. Somit ist das Stadionverbot bei allen übrigen Vereinen oder Spielen wirksam, bei denen der DFB als Veranstalter auftritt.
Die Regelung der bundesweiten Stadionverbote stellt damit ein Sanktionsmittel dar, das bereits bei der Einleitung eines Ermittlungsverfahrens und somit zeitlich ( 6 Monate - 2 Jahre) weit vor einer gerichtlichen Schuldfeststellung einsetzt. Die in der Bundesrepublik geltende Unschuldsvermutung findet keine Berücksichtigung.
Kritische Betrachtung der bundesweiten Stadionverbote aus der Sicht der Fan-Projekte
Die Praxis der Ausgrenzung durch Stadionverbote läuft konträr zu den konzeptionellen Ansätzen der örtlichen Fan-Projekte, die einen integrativen Ansatz im Umgang mit jugendlichen Fußballfans befürworten. Dies bedeutet, “unbequeme Jugendliche” nicht außen vor zu lassen, sondern auf sie zuzugehen.
Nicht zuletzt aus den negativen Erfaherungen mit Stigmatisierungen von Jugendlichen verweisen Fan-Projekte auf die Notwendigkeit der Dialogbereitschaft seitens der BL-Vereine und der Polizei gegenüber jugendlichen Fußballfans. Gerade mit diesem Ansatz arbeiten Fan-Projekte sehr kooperativ mit den lokalen Szenen. Es ist ein Schritt in die falsche Richtung, Fußballfans massiv aus den Stadien zu drängen. Dies führt mittelfristig zu einer Verschärfung der Gewaltproblematik.
Resultate der Aussprache bundesweiter Stadionverbote sind folgende kurz- und mittelfristige Konsequenzen. Dabei gilt grundsätzlich:
Das von Seiten des DFB formulierte Ziel, durch bundesweite Stadionverbote die Stadien sicherer zu machen, steht in keinem Verhältnis zur tatsächlichen Notwendigkeit. Seit Anfang der neunziger Jahre gibt es kaum noch gewalttätige Ausschreitungen in den Stadien. Die BL-Stadien sind sicher.
- Das gewalttätige Verhalten der Jugendlichen hat bereits vor dem Inkrafttreten bundesweiter Stadionverbote abgenommen. Es gibt seit Jahren einen langsamen Rückgang der Eskalation von Gewalt im Zusammenhang mit Fußballspielen. Dies bedeutet jedoch nicht, daß es zukünftig kein Potential an gewaltbereiten Jugendlichen mehr gibt.
- Stadionverbote grenzen aus
Ausgrenzung ist nach allen bisherigen Erfahrungen kein geeignetes pädagogisches und repressives Mittel im Umgang mit Jugendlichen. Ausgrenzung trägt weder zur Prävention noch zur Deeskalation bei. Ausgrenzung führt, wenn überhaupt, nur zu einer kurzfristigen Verlagerung des Problems. Ursachen bleiben unberührt. Darüberhinaus findet durch die Stadionverbote eine Ausgrenzung aus dem sozialen Umfeld der Jugendlcihen statt. Zusätzliche, negative Auswirkungen durch diesen Prozeß sind zahlreich nachgewiesen.
- Der Bezug zum Fußball geht verloren
Hooligans werden vom Fußball weggedrängt. Was sowieso schon immer vermutet wurde - Hooligans hätten keinen Bezug zum Fußball / Verein - ist künstlich eingetreten. Integration durch die soziale Gruppe oder den BL-Verein in den Gesamtzusammenhang Fußball findet nicht mehr statt.
- Jugendliche weichen aus
Was in vielen Städten bislang Tabu war, wird durch Stadionverbote nun Wirklichkeit. Vermehrt tritt der sog. Krawalltourismus ein. Zudem kommt es zu Nebenschauplätzen, da sich die Ausgegrenzten nicht mehr im Stadion aufhalten, sondern sich in den Innenstädten treffen.
- Solidarität mit den Ausgegrenzten
Auch andere Jugendliche bleiben aus Solidarität dem Stadion fern. Nach dem Motto: “Jetzt erst recht” versuchen sie zu beweisen, daß man sie “so nicht unterkriegt”.
- Gewalt gegen andere
Das “Flair” eines BL-Spiels reicht oftmals aus, um dem “Erlebnisdruck” der Jugendlichen Platz zu machen und wirkt reduzierend auf die persönliche Gewaltbereitschaft.
Das jetzt fehlende Ventil führt dazu, daß nun auf jeden Fall etwas passieren muß. Die Gewalt wird nun beliebiger und der “Druck” immer größer. Eskalationen sind vorprogrammiert.
- Die Selbstregulierung wird aufgehoben
Die internen Strukturen von Jugendgruppen sorgen für die Einhaltung innerer und äußerer Regeln. Dieser nicht zu unterschätzende Mechanismus in der Szene kann nicht mehr stattfinden, da gerade “die Alten aus dem Verkehr gezogen werden sollen”.
Die häufigste Form der Eskalation findet jedoch statt, wenn zuvor selbstaufgelegte Grenzen überschritten werden. Auf die Einhaltung dieser Grenzen wird gerade von den Älteren geachtet.
- Ausstieg findet im Kopf statt
Abschließend bleibt festzustellen, daß nur der Jugendliche sich letztendlich anders verhält, der die Entscheidung freiwillig für sich getroffen hat. Es kann kein zwangsverordnetes Deeskalationskonzept geben.
Die anfängliche Ohnmacht der Jugendlichen, angesichts des Schulterschlusses der Vereine mit dem DFB, dem NKSS und der Polizei ist gewichen. Fußballfans haben längst Wege gefunden, sich mit den Stadionverboten zu arrangieren - auch bei Auswärtsspielen. Obwohl offizieller Einspruch selten stattfindet, sind die Jugendlichen flexibel genug, sich ihre Lebensräume zurückzuholen.
Fazit:
Unabhängig von der fragwürdigen Praxis der Weitergabe personenbezogener Daten aus strafrechtlichen Ermittlungsverfahren an die Vereine oder den DFB, halte ich die Verfahrensweise der bundesweiten Stadionverbote für eine kurzsichtige Methode im Umgang mit jugendlichen Fußballfans.
Anstatt an bundesweiten Stadionverboten festzuhalten und dadurch weiterhin auf Ausgrenzung im Umgang mit Fußballfans zu setzen, sollten der DFB, die BL-Vereine und die Polizei die bisherige Praxis noch einmal kritisch hinterfragen.
Referent: Jürgen Scheidle, Fanprojekt Bochum & Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft der Fan-Projekte (BAG)

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